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Architektur im Ausnahmezustand - Rediscover Your Home

Veränderte Ansprüche an das Wohnen als Folge der Covid-19-Pandemie

08.02.2021 - Wie zufrieden sind wir mit unserer Wohnsituation im Allgemeinen? Wie verändert sich die Wahrnehmung des eigenen Zuhauses, wenn man auf einmal viel mehr Zeit darin verbringt als gewohnt? Was passiert, wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen?
 
All diese Fragen wurden im vergangenen Jahr bereits viel besprochen und erforscht. Ein besonders interessantes Projekt ist die Studie Rediscover Your Home - Architektur im Ausnahmezustand, eine Umfrage, die von den beiden Österreicher Architekt*innen Ursula Kaiser und Regina Bitterlich im Zeitraum von April bis Mai 2020 durchgeführt wurde. 250 Personen aus dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz, Südtirol) haben an der Umfrage teilgenommen, die Ergebnisse wurden von den Architekt*innen in einem Dossier zusammengefasst.
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Drei Leitfragen lenkten die Auswertung der Studie:
Wie leben und arbeiten wir heute und wie offen sind wir diesbezüglich für Veränderungen?
• Sind diese Veränderungen nur temporär? – Oder gibt es Veränderungen, die wir auch langfristig, vielleicht sogar gerne, beibehalten wollen?
• Welche Phänomene und Trends lassen sich ablesen – für morgen, übermorgen und überübermorgen?
 
Befragt wurde eine ausgewogene Mischung an Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Wohnsituationen - in der Großstadt, auf dem Land und in der Kleinstadt. Logischerweise wurde der Schwerpunkt bei den Befragten auf Berufstätige gelegt, 55% von ihnen arbeiten in Vollzeit und 24% in Teilzeit, jedoch befindenden sich unter den Befragten auch Anteile an Studierenden, Personen im Mutterschutz, Rentner und Hausfrauen/Hausmänner. Dies hat zu einem breit gefächerten Meinungsbild geführt, das uns einen relativ gemeingültigen Überblick über die Situation bietet. 
 
Unter den Befragten besteht die häufigste Wohnkonstellation in einem Haushalt aus 2 Erwachsenen mit 0 oder 2 Kindern. Dies ist ein Faktor, der nicht außer Acht zu lassen ist, da sich die Arbeit im Home-Office durch die Anwesenheit von Kindern entsprechend verändert. 
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Außerdem ist zu beachten, dass der Großteil der Befragten auf einem durchschnittlich großen Raum lebt, so ist das Zuhause von über 65% der Umfrageteilnehmer größer als 80m². Dies lässt darauf schließen, dass es sich generell eher um wohlständige Personen handelt, die sich einen gewissen Wohnstandard leisten können. Ein weiterer Hinweis, der diese Annahme bestätigt, ist, dass fast 90% der Befragten Zugang zu einem Freiraum hat, sei es ein Balkon, eine Terrasse oder ein Garten. Wie die Studie zeigt, hat dies einen enormen Einfluss auf die Wahrnehmung des Zuhauses, nicht nur in der Lockdown-Situation. So wird die Anwesenheit eines Außenbereichs nicht nur unter den wichtigsten Faktoren bei der Wohnungswahl genannt, sondern spielt zudem durch seine Abwesenheit eine große Rolle bei den negativen Aspekten des Zuhauses. Diese werden durch mangelnde Belichtung sowie fehlenden Schallschutz komplettiert. 
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Generell waren die Antworten bei der Frage nach dem Lieblingsraum wie zu erwarten sehr individuell. Dennoch konnten die Architekt*innen Ursula Kaiser und Regina Bitterlich einige allgemein gültigen Qualitäten ablesen. Als am wichtigsten bewertet wurden folgende Kriterien: Helligkeit, Ausblick, Größe, Platz für die Ausübung individueller Hobbies, Zugang ins Freie, Raum für Gesellschaft und Multifunktionalität. 
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Multifunktionalität ist, wie wir alle wissen, einer der Hauptansprüche an unser Zuhause in Zeiten des Home-Office. Viele von uns mussten sich Anfangs erstmal mit der neuen Situation arrangieren und einen Arbeitsplatz in den Wohnraum integrieren. Denn die wenigsten hatten bereits vor 2020 ein Arbeitszimmer in ihrem Zuhause, von den Umfrageteilnehmern waren das nur 22%. Dementsprechend wurden mit der Zeit Änderungen in der Einrichtung unserer Wohnungen vorgenommen, um uns an die 'neue Situation' anzupassen und besser zu organisieren. In den meisten Fällen werden wir diese Änderungen auch langfristig ganz oder zumindest teilweise beibehalten, laut Studie ca. in 70% der Fälle.
 
Was die Arbeit im Home-Office anbelangt, scheinen die meisten Befragten recht zufrieden mit ihrer Situation, auf die Frage ob sie sich auch in Zukunft die Ausführung ihres Jobs zumindest teilweise im Home-Office vorstellen können, antworten 95% mit Ja. Natürlich ist hier wie schon Anfangs aufgeführt die Wohnsituation der Teilnehmer zu beachten, die durchschnittlich nicht auf beengtem Raum leben und somit genug Platz haben, sich einen entsprechend vorteilhaften Arbeitsplatz einzurichten. Die beiden größten Vorteile, die sicherlich bei der Beantwortung dieser Frage geholfen haben, ist der Entfall des Arbeitsweges und der damit verbundenen 'verlorenen' Zeit sowie die freie Zeiteinteilung bei der Arbeit. Als die beiden größten Nachteile hingegen nannten die Befragten die fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und die Ablenkung von der Arbeit durch den Haushalt. Ein ungeeigneter Arbeitsplatz oder zu wenig Platz zum Arbeiten folgt erst an dritter Stelle, was wiederum auf den großzügigen Wohnraum der Befragten zurückzuführen sein könnte.
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Wünsche an die Architektur von morgen, sind laut der Studie: Leistbarer Wohnraum, mehr Nachhaltigkeit und eine flexiblere Anpassung des Wohnraums an die eigenen Bedürfnisse.
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Die Umfrage “Rediscover Your Home - Architektur im Ausnahmezustand” zeigt vorrangig, dass wir dazu fähig sind uns anzupassen und zu arrangieren. Multifunktionalität ist uns wichtig und wir können uns gut vorstellen auch zukünftig im Homeoffice zu arbeiten, zumindest teilweise. Diese Einsicht wird rundherum wahrgenommen und aktuell von vielen Möbelherstellern aufgegriffen, die neue Systeme für flexibles Arbeiten präsentieren, ob für das Home-Office oder das Büro.
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Allerdings bleibt abzuwarten was die Ergebnisse nach dem zweiten Teil der Studie, der dieses Jahr stattfinden wird, sagen werden. Denn es muss berücksichtigt werden, dass Teil eins der Umfrage in Zeiten des ersten Lockdowns durchgeführt wurde, in dem die generelle Stimmung noch um einiges positiver war, da die meisten nicht mit einer zweiten und dritten Pandemie-Welle und damit verbundenen Maßnahmen rechneten.
 
Die vollständigen Umfrage-Ergebnisse der ersten Studie können auf der Webseite www.architekturimausnahmezustand.com nachgelesen werden. Zudem kann man dort auch online am zweiten Teil der Umfrage teilnehmen.

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