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Stool 60 von Alvar Aalto: ein Hocker wird 90!

Eines der elementarsten und ikonischsten Möbelstücke überhaupt feiert Jubiläum. Artek begeht es mit drei Sondereditionen, über die Managing Director Marianne Goebl im Interview spricht.

14/09/2023 - Es gibt nur wenige elementare Möbelstücke, die es zur Designikone gebracht haben. Stool 60, entworfen von Alvar Aalto und hergestellt von Artek, ist sicher eines von ihnen. Der vorrangig in seiner dreibeinigen Version bekannte Hocker aus Birkenholz feiert dieses Jahr 90. Jubiläum. Und so stellt die finnische Designmöbelmarke drei Sondereditionen des Stool 60 vor. Archiproducts hat mit Marianne Goebl, Managing Director bei Artek, über die Geschichte von Stool 60 und die drei Sondereditionen gesprochen.
Hocker Stool 60 in einem historischen Schwar-Weiß-Foto; Foto Otso Pietinen (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum 2Pin it

Hocker Stool 60 in einem historischen Schwar-Weiß-Foto; Foto Otso Pietinen (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum

Der Beginn der Erfolgsgeschichte

Der Artek Stool 60 ist ein Entwurf des finnischen Architekten Alvar Aalto, dessen Vision es war, ein universelles Objekt aus heimischer Birke zu kreieren. Besser hätte ihm dieses Vorhaben nicht gelingen können: Seit 1933 wird er durchgehend produziert und ist auch heute noch gerne kopiert oder dient zumindest hier und da als Inspiration. „Der wirkliche Erfolg des Hockers ist,“ so Marianne Goebl, „dass er einfach ein elementares Möbelstück ist. Er kann alles sein: Sitz, Tisch, Display, eine Skulptur, wenn man mehrere übereinanderstapelt. Diese elementare Nutzung erschließt sich aus dem Zusammenspiel sehr simpler geometrischer Formen: dem Kreis, dem L der Beine. Dadurch fügt er sich in jegliches Interior ein, auch in den verschiedensten Kulturen.“ Dem fügt Goebl hinzu: „Der Stool 60 ist da für einen, aber er drängt sich nicht auf.“
Marianne Goebl, Managing Director bei Artek; Foto: Susanne Günther 3Pin it

Marianne Goebl, Managing Director bei Artek; Foto: Susanne Günther

Stool 60 im Wandel der Zeiten

So erfolgreich Stool 60 seit jeher ist: kleine Anpassungen hat auch er unterlaufen. Da sind beispielsweise die Maße, die sich der zunehmenden durchschnittlichen Körpergröße der Menschen angepasst haben. Doch sind das die einzigen Änderungen?
Marianne Goebl erklärt: „Wir zeigen aktuell eine schöne Ausstellung in unserem (oder im) Artek 2nd Cycle Store. Dort haben wir 100 Hocker nach Dekaden sortiert. Auf den ersten Blick sieht man wenig Unterschiede. Wenn man dann eintaucht, sieht man aber, dass dieser Hocker technische, wirtschaftliche, geschmackliche, aber auch weltpolitische Veränderungen widerspiegelt.“
Auch woran sich dies festmachen lässt, weiß die Geschäftsführerin: „Zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs gab es keinen Klebstoff, da musste man eine andere Verbindung für die Beine finden. Diese Lösung wurde aber nur ein paar Jahre verwendet und so sind diese Hocker jetzt natürlich besonders beliebte Sammlerstücke. Was zudem interessant ist, sind die geschmacklichen Verschiebungen.“
Stool 60 von Alvar Aalto, seit 90 Jahren durchgehend von Artek produziert; Foto Kolmio (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum 4Pin it

Stool 60 von Alvar Aalto, seit 90 Jahren durchgehend von Artek produziert; Foto Kolmio (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum

So begann die Erfolgsgeschichte von Stool 60 in den 1930er Jahren mit Hölzern mit Astlöchern. In der Nachkriegszeit folgte der Einsatz von Farben, passend zum Optimismus des Wiederaufbaus. Die 80er und 90er Jahre führten zu einem großen Pragmatismus und Minimalismus: die Auswahl an Oberflächen wurde reduziert, pflegeleichte Lösungen bevorzugt.
Dem folgten die ersten 2000er Jahrzehnte, in denen Stool 60 zu einer Art Leinwand für kreative Ideen wurde. „Künstler haben sich darauf verewigt, wir haben ihn in Indigo getaucht. Wir haben andere Oberflächenbearbeitungsmethoden vor allem aus Japan ausprobiert. Also man sieht, die Oberflächen haben sich stark verändert, aber die Konstruktion selbst eigentlich nur sehr subtil, was ich sehr erstaunlich finde, für einen Zeitraum von 90 Jahren“, so Goebl.   
Gestapelt ein skulpturaler Hingucker: der Hocker Stool 60 von Alvar Aalto; Foto Tuomas Uusheimo (c) Artek 5Pin it

Gestapelt ein skulpturaler Hingucker: der Hocker Stool 60 von Alvar Aalto; Foto Tuomas Uusheimo (c) Artek

Dem Holz und der Konstruktion die Bühne überlassen

Für das Jubiläumsjahr des Stool 60 hat man sich bei Artek nun zu drei Sondereditionen des Hockers entschlossen, bei denen nicht die Oberfläche zum Medium künstlerischer Interpretationen wird, sondern, wie Marianne Goebl erklärt: „Wir wollten uns wirklich auf die Essenz des Hockers konzentrieren, sprich auf die Konstruktion, aber auch die Schönheit des Materials.“
Die Bauteile des Stool 60 von Artek, entworfen von Alvar Aalto vor 90 Jahren; Foto Tuomas Uusheimo (c) Artek 6Pin it

Die Bauteile des Stool 60 von Artek, entworfen von Alvar Aalto vor 90 Jahren; Foto Tuomas Uusheimo (c) Artek

Stool 60 Kontrasti – Artek Designteam

So wurde zunächst im vergangenen März die Sonderausgabe Kontrasti präsentiert, die es vermag, die bauliche Besonderheit des Stool 60 herauszuarbeiten. Den Hocker durchziehen in den gebogenen Abschnitten der Beine und in der Sitzfläche dunkle Linien, die ein grafisches Muster in das helle Birkenholz zeichnen.
Um deren Bedeutung zu verstehen, muss man den Aufbau des Hockers kennen, und so erklärt Marianne Goebl: „Es sind nicht die Aaltos, die die Holzverformung erfunden haben; das war immer noch Herr Thonet, der das mit Buche gemacht hat. Aber die finnische Birke ist ein sehr hartes Holz: wenn man die dämpft, passiert gar nichts. Das heißt, Alvar Aalto und der Schreiner, mit dem er gemeinsam die Holzverformungstechnik weiterentwickelt hat, mussten sich überlegen, ‚wie bringen wir die Birke dazu, in gewisse Formen zu kommen‘. Sie mussten eigentlich so etwas wie ein künstliches Gelenk einfügen. Sie schlugen also Schlitze in das Massivholz. In diese wurden Furnierblätter eingelegt und verklebt. Dann kann man das Ganze durch Hitze und Druck auf 90 Grad biegen.“
Historisches Foto des Biegevorgangs des Birkenholzes für den Hocker Stool 60 von Artek; Foto Mauno Mannelin (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum 7Pin it

Historisches Foto des Biegevorgangs des Birkenholzes für den Hocker Stool 60 von Artek; Foto Mauno Mannelin (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum

Für die Inlays der Schlitze des Stool 60 Kontrasti verwendet Artek thermobehandelte Furnierblätter, die durch die hohen Temperaturen eine dunkle Farbe annehmen. So entsteht ein harmonischer Kontrast, der zugleich hervorhebt: Stool 60 ist ein Massivholzhocker und nicht aus Schicht- oder Sperrholz gemacht!
Auch in die Sitzfläche wurde in die Zwischenräume der einzelnen Elemente gebackenes Furnier eingezogen. Hier zeigen die kontrastierenden Linien: der Sitz ist aus Massivholzresten zusammengefügt und steht so seit jeher für einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Rohstoff Holz.
Anlässlich des 90. Geburtstags des Hockers Stool 60 bringt Artek unter anderem die Version Kontrasti auf den Markt. Foto Marc Eggimann (c) Artek 8Pin it

Anlässlich des 90. Geburtstags des Hockers Stool 60 bringt Artek unter anderem die Version Kontrasti auf den Markt. Foto Marc Eggimann (c) Artek

Stool 60 Loimu – Artek Designteam

Der Stool 60 Loimu (Finnisch für ‚Flamme‘) ist Mitte August präsentiert worden und in einer von der Natur limitierten Auflage erhältlich. Marianne Goebl schildert die Hintergründe: „Wir haben uns damit befasst, welche Unregelmäßigkeiten Birkenholz haben kann, die wir normalerweise nicht zeigen. Eine davon heißt ‚Flame Birch‘, Flammenbirke. Das sieht ungefähr so aus, wie wenn man bei einem Tier das Fell gegen die Richtung streicht. Man findet dieses Holz im Zuge des Selektionsprozesses in der Fabrik. Allerdings ist das relativ selten und wir mussten wirklich jahrelang horten, damit wir genügend Hockerbeine haben, um auch eine Edition anbieten zu können.“
Stool 60 Loimu von Artek weist eine besondere Maserung des Holzes auf. Foto: Artek 9Pin it

Stool 60 Loimu von Artek weist eine besondere Maserung des Holzes auf. Foto: Artek

Um die Flammung der Holzoberfläche zum Leben zu erwecken, ölt der Kunde den unbehandelten Hocker selbst. Artek liefert hierfür ein Leinsamenöl, das es vermag, die kaum wahrnehmbare Besonderheit der Maserung der Flame Birch herauszustellen.
Käufer und Käuferinnen des Stool 60 Loimu behandeln die Oberfläche selbst, um die Flammung des Holzes herauszuarbeiten. Foto: Artek 10Pin it

Käufer und Käuferinnen des Stool 60 Loimu behandeln die Oberfläche selbst, um die Flammung des Holzes herauszuarbeiten. Foto: Artek

Stool 60 Villi – Design in Kooperation mit Formafantasma

Ab September 2023 ist die dritte Jubiläumsedition des Stool 60 erhältlich. Entstanden ist sie aus einer ergebnisoffen formulierten Recherchearbeit mit dem italienischen Designduo Formafantasma. Ziel war es, das Ökosystem Wald im Wandel der Zeiten unter die Lupe zu nehmen und zu analysieren, wie ein ressourcenschonenderer Umgang mit der finnischen Birke gelingen kann. Marianne Goebl gesteht: „Wir wussten, dass wir sehr strikte Selektionskriterien in der Fabrik haben, aber niemand weiß mehr wirklich warum. Die Vermutung ist, das kam Mitte der 80er, 90er Jahre im Zuge einer besonderen Standardisierung, die industrieweit wahrnehmbar ist. Holz wird eigentlich behandelt wie Kunststoff: es wird erwartet, dass es sehr homogen ist, keine Unregelmäßigkeiten hat.“
Die Zusammenarbeit von Artek mit dem italienischen Design-Duo Formafantasma begann als Recherche zur Veränderung des Ökosystems Finnischer Wald und seiner Nutzung; Bild: Formafantasma / Artek 11Pin it

Die Zusammenarbeit von Artek mit dem italienischen Design-Duo Formafantasma begann als Recherche zur Veränderung des Ökosystems Finnischer Wald und seiner Nutzung; Bild: Formafantasma / Artek

Die Folge: ein hoher Verschnitt. Ein Paradoxon für ein Unternehmen wie Artek, das extrem langlebige und somit nachhaltige Produkte fertigt. Ein Unternehmen, das mit vielen Jahrzehnte alten Birken arbeitet, die länger als manch anderer Baum CO2 gespeichert haben.
So wurde im Laufe des Rechercheprojekts mit Formafantasma klar: „Wir müssen eigentlich eine Art von neuer Ästhetik der Nachhaltigkeit, wenn man so will, definieren, die die natürlichen Merkmale des Holzes nicht nur akzeptiert, sondern fast schon zelebriert und sichtbar macht“.
Für Villi gelten also neue Auswahlkriterien des Holzes: Merkmale wie dunkle Flecken, Astlöcher und die Spuren von Insekten werden zu Charakteristika des Stool 60 Villi (Finnisch für ‚Wild‘), die sogenannte „Wild Birch“ das Material der Wahl. Und: der Hocker wird dauerhaft Teil des Sortiments von Artek bleiben.
Stool 60 Villi ist eine der drei Jubiläumseditionen des berühmten Hockers von Alvar Aalto; die Edition Villi ist in einer Zusammenarbeit von Artek mit Formafantasma entstanden 12Pin it

Stool 60 Villi ist eine der drei Jubiläumseditionen des berühmten Hockers von Alvar Aalto; die Edition Villi ist in einer Zusammenarbeit von Artek mit Formafantasma entstanden

Finland, Artek und eine Österreicherin an der Spitze

Die Jubiläumseditionen des Stool 60 von Artek sind nicht nur eine Hommage an die gestalterische Kunst des Schöpfers und Firmengründers Alvar Aalto. Sie verstehen sich auch als Hommage an die finnische Birke und den finnischen Wald, zwei Elemente, die die Ästhetik des Portfolios von Artek seit jeher prägen. Und die somit auch den Ästhetikbegriff der Finnen prägen: Artek ist ein, wenn nicht sogar DAS Aushängeschild Finnlands.
Seit knapp 10 Jahren ist die Österreicherin Marianne Goebl Managing Director von Artek, die sich erinnert: „Das Einfinden in die Welt von Artek war damals war erstaunlich schnell - mit dem gebotenen Maß an Respekt und Ehrfurcht.  Respekt vor der Tradition dieser Firma, vor den Gründern dieser Firma, zu denen zwei der größten Architekten des 20. Jahrhunderts gehörten. Respekt aber vor allem auch vor Finnland, wo Artek ein nationales Kulturgut ist.“
Für Goebl galt und gilt es, einzutauchen in den Schatz der Unternehmenskultur von Artek: „Wo auch immer man gräbt, kommt etwas Spannendes hervor, auf dem man aufbauen kann. Dabei ist die Substanz, die da vor fast 90 Jahren gelegt wurde, wahnsinnig zeitgenössisch. Da geht es um Themen, die uns heute noch antreiben.“ Man denke an den Anspruch, natürliche Materialien zu verwenden, demokratische Produkte für eine breite Personengruppe zu gestalten, die Welt ein bisschen besser zu machen.
Villi ist eine neue Edition des Hockers Stool 60 von Artek; sie ist in Zusammenarbeit mit Formafantasma entstanden 13Pin it

Villi ist eine neue Edition des Hockers Stool 60 von Artek; sie ist in Zusammenarbeit mit Formafantasma entstanden

Und man denke daran, wie Goebl unterstreicht: „Die Aaltos haben begonnen, Möbel für ein Tuberkulose-Sanatorium zu entwerfen. Design ist immer ein Kompromiss, und wenn man zu diesem Kompromiss die Bedürfnisse des Schwächsten im Auge behält, funktioniert es auch für alle anderen. Ich finde diesen Ansatz sehr, sehr relevant. Er hat uns während Covid stark beschäftigt und wir haben gesehen, dass die Gesellschaft auch heute zum Glück durchaus bereit ist, Kompromisse einzugehen, um die Schwächsten zu schützen. Die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, das beschäftigt uns als Unternehmen auch heute noch!“
Fragt man Marianne Goebl daher, welches Zeichen sie während ihrer Zeit bei Artek hinterlassen möchte, so beschreibt sie klar: „Ich hoffe, man wird merken, dass Artek immer noch eine Firma von heute ist und nicht ein historisches Projekt. Man soll merken, dass einerseits die Klassiker, nichts von ihrer Frische und Relevanz verloren haben und wir sie an die Bedürfnisse von heute angepasst haben, sodass sie auch heute noch relevant sind. Und dass andererseits neue Produkte dazu gekommen sind, die diese Klassiker glaubwürdig ergänzen, den Artek-Ethos widerspiegeln, mit den Mitteln und Designern unserer Zeit.“

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Aktuelles Foto der Fertigung des Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek 14Pin it

Aktuelles Foto der Fertigung des Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek

Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek 15Pin it

Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek

Feinschliff der Stuhlbeine des Hockers Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek 16Pin it

Feinschliff der Stuhlbeine des Hockers Stool 60 von Artek, Design Alvar Aalto, Foto Mikko Ryhänen (c) Artek

Stool 60 von Alvar Aalto in der Viipuri Library 1934-35; Foto Welin (c) Copyright Artek 17Pin it

Stool 60 von Alvar Aalto in der Viipuri Library 1934-35; Foto Welin (c) Copyright Artek

Historisches Bild aus den Werkstätten von Artek; Foto Artek (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum 18Pin it

Historisches Bild aus den Werkstätten von Artek; Foto Artek (c) Artek Collection : Alvar Aalto Museum

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